Wandlitz zeigt Haltung

- Und jetzt braucht es Klarheit

Sammy Blum SAM Entertainment Sammy Blum
Veröffentlicht am 25. Februar 2026

Am 10. Februar 2026 war „Annes Kampf“ in Wandlitz zu Gast. Zwei Vorstellungen an einem Tag: vormittags für Jugendliche, abends öffentlich. Organisiert wurde diese Doppelveranstaltung von Sylvia Swierkowski aus der Jugendförderung der Gemeinde Wandlitz.



Was dieser Tag gezeigt hat, war eindrucksvoll. Was im Vorfeld geschah, wirft Fragen auf, die nicht unbeantwortet bleiben dürfen.

Bereits im Vorfeld kam es zu irritierenden Vorgängen. Ein Anruf aus der Gemeindeverwaltung – im Ton unangemessen scharf – stellte infrage, ob wir überhaupt einen Veranstalter hätten. Dabei war die Gemeinde selbst offiziell Veranstalterin. Der Eindruck entstand, dass innerhalb der Verwaltung entweder gravierende Abstimmungsprobleme herrschten oder bewusst gegengearbeitet wurde. Hinzu kam der kurzfristige Abzug der Techniker. Öffentlichkeitsarbeit wurde zunächst nicht umgesetzt. Erst durch das beharrliche Engagement von Sylvia Swierkowski gemeinsam mit der Initiative „Wandlitz zeigt Haltung“ konnten notwendige Werbemaßnahmen realisiert werden.

Das sind keine organisatorischen Nebensächlichkeiten. Das sind strukturelle Hindernisse.

Und dennoch: Der Versuch, diese Veranstaltung ins Leere laufen zu lassen, ist gescheitert.

Über 100 Schülerinnen und Schüler sahen am Vormittag „Annes Kampf“. Die Diskussion im Anschluss war offen, ernsthaft und respektvoll. Es wurde gefragt, widersprochen, nachgedacht. Am Abend war der Saal mit rund 180 Besucherinnen und Besuchern nahezu voll. Auch hier entstanden intensive Gespräche über Verantwortung, Geschichte und Gegenwart.

Annes Kampf in Wandlitz
Annes Kampf in Wandlitz | Foto: SAM Entertainment
Dieser Tag hat gezeigt: In Wandlitz gibt es eine aktive, demokratisch engagierte Bürgerschaft, die sich mit historischen und aktuellen Herausforderungen auseinandersetzt und nicht bereit ist, rechtsextreme Tendenzen zu relativieren oder zu verdrängen.

Doch Kurz nach dieser erfolgreichen Veranstaltung wurde Sylvia Swierkowski suspendiert.

Diese Entscheidung hat viele Menschen in Wandlitz irritiert – und besorgt. Sie wirft die Frage auf, welches Signal hier an engagierte Fachkräfte in der Jugendarbeit gesendet wird. Die Initiative „Wandlitz zeigt Haltung“ hat am 22. Februar 2026 einen offenen Brief veröffentlicht, den wir hier vollständig dokumentieren:

Offener Brief – Aufruf zur Rücknahme der Suspendierung von Sylvia Swierkowski

Wandlitz, 22.02.2026
An die Gemeindeverwaltung Wandlitz

Sehr geehrter Herr Borchert, sehr geehrte Frau Meyer-Kuntzsch,
mit großem Bedauern haben wir erfahren, dass Sylvia Swierkowski seit dem 12. Februar 2026 von ihrer Tätigkeit als Jugendförderin und Streetworkerin ausgeschlossen ist. Sylvia Swierkowski hat während ihrer Zeit im Jugendtreff Bahnsteigkante enge und vertrauensvolle Kontakte aufgebaut. Sie fungiert als Ansprechpartnerin für Jugendliche, an die sich viele Erwachsene nicht mehr herantrauen. Sie unterstützt, berät und erreicht diese Jugendlichen, für die stabile Beziehungen eine essenzielle Grundlage sind. Die Suspendierung gefährdet diese Arbeit und die jungen Menschen, die darauf angewiesen sind. Das muss verhindert werden.

Aus diesen Gründen appellieren wir an die Verwaltung, die Suspendierung aufzuheben und Sylvia Swierkowski in ihre Tätigkeit in der Bahnsteigkante wiedereinzusetzen. Wir wünschen uns, dass bestehende Differenzen sachlich und gutwillig beigelegt werden. Für eine konstante und verlässliche offene Jugendarbeit in Wandlitz braucht es differenzierte und flexible Strukturen.

Mit freundlichen Grüßen
Wandlitz zeigt Haltung

Es geht nicht darum, die Gemeinde Wandlitz pauschal zu verurteilen. Es gibt dort zahlreiche engagierte Menschen in Verwaltung, Politik und Zivilgesellschaft, die sich klar zu Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und einer offenen Gesellschaft bekennen. Der 10. Februar hat das deutlich gezeigt.

Aber wenn Veranstaltungen mit klarer demokratischer Ausrichtung behindert werden und engagierte Fachkräfte kurz darauf suspendiert werden, dann braucht es Transparenz. Dann braucht es eine nachvollziehbare Begründung. Dann braucht es politische Verantwortung.

Wer verstehen will, warum rechtsextreme Erzählungen in Teilen Ostdeutschlands heute wieder Resonanz finden, muss historisch genauer hinschauen. In der DDR wurde der Nationalsozialismus offiziell als überwunden erklärt. Der Staat definierte sich als antifaschistisch, Rechtsextremismus galt als Problem des „anderen Deutschlands“. Eine tiefgreifende gesellschaftliche Auseinandersetzung mit individueller Schuld, familiärer Verstrickung und eigener Verantwortung blieb begrenzt. Das Thema wurde politisch beantwortet, nicht gesellschaftlich durchdrungen.

Nach 1990 kamen massive Umbrüche hinzu. Wirtschaftliche Verwerfungen, biografische Brüche, der Austausch von Eliten, das Gefühl des Kontrollverlusts – viele Menschen empfanden die Transformation nicht als gleichberechtigte Vereinigung, sondern als Übernahme. Solche Erfahrungen führen nicht automatisch zu Radikalisierung. Aber sie schaffen emotionale Räume, in denen einfache, identitätsstiftende Erzählungen attraktiv werden.

Rechtsextreme Akteure knüpfen genau dort an. Sie verbinden historische Entlastungsnarrative mit gegenwärtigen Kränkungserfahrungen. Sie arbeiten mit Vereinfachung, mit Feindbildern, mit dem Versprechen von Ordnung. Dem begegnet man nicht mit Schweigen. Dem begegnet man mit Aufklärung, Begegnung und demokratischer Streitkultur.

Genau das ist am 10. Februar in Wandlitz geschehen.

Demokratie ist kein Selbstläufer. Sie ist eine tägliche Aufgabe. Sie braucht Menschen, die Brücken bauen. Sie braucht Verwaltung, die Engagement schützt. Und sie braucht Öffentlichkeit, die hinschaut, wenn Entscheidungen Fragen aufwerfen.

Wandlitz hat an diesem Tag gezeigt, dass es eine lebendige demokratische Zivilgesellschaft gibt. Jetzt liegt es an den Entscheidungsträgern, deutlich zu machen, dass demokratische Bildungsarbeit nicht gebremst, sondern gestärkt wird.

Haltung zeigt sich nicht im Applaus.
Haltung zeigt sich in Verantwortung.

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