Annes Kampf – Anne Frank vs. Adolf Hitler

Erinnerung braucht Haltung

„Annes Kampf“ in Postbauer-Heng – Theater, politische Bildung und kommunales Engagement

Sammy Blum · 9. Oktober 2026

Wenn Geschichte auf Gegenwart trifft

Am 7. und 8. Oktober 2026 waren wir mit unserer Produktion „Annes Kampf – Anne Frank vs. Adolf Hitler“ in Postbauer-Heng zu Gast. Zwei Tage, an denen deutlich wurde, welche Kraft Theater entfalten kann, wenn künstlerische Erfahrung, politische Bildung und kommunales Engagement zusammenkommen.

Ein vorbereitender Workshop an der Erich-Kästner-Mittelschule, eine öffentliche Aufführung im Deutschordensschloss und die Schulvorstellungen am folgenden Vormittag bildeten ein aufeinander abgestimmtes Programm, das weit über einen gewöhnlichen Theaterbesuch hinausging.

Der Zeitpunkt verlieh diesen Veranstaltungen eine besondere Bedeutung. Der 7. Oktober markierte den dritten Jahrestag des terroristischen Überfalls der Hamas auf Israel. Zugleich erleben wir in Deutschland eine politische Entwicklung, die uns mit großer Sorge erfüllt: Rechtsextreme Kräfte gewinnen an Einfluss, demokratische Gewissheiten geraten unter Druck, und die Abgrenzung gegenüber extremistischen Positionen wird zunehmend infrage gestellt.

Was bedeutet „Nie wieder“, wenn die Gefahren, vor denen uns die Geschichte warnt, erneut sichtbar werden?
Annes Kampf in Postbauer-Heng
Annes Kampf in Postbauer-Heng | Foto: SAM Entertainment

Zwei Tage im Zeichen der Verantwortung

Unser Besuch begann am Vormittag des 7. Oktober mit einem vorbereitenden Workshop an der Erich-Kästner-Mittelschule.

Im Mittelpunkt standen die historischen Hintergründe unserer Inszenierung und die gesellschaftlichen Fragen, die sich daraus ergeben. Wie entstehen menschenfeindliche Weltbilder? Welche Rolle spielen Propaganda und Ausgrenzung? Und was geschieht, wenn Menschen aufgrund ihrer Herkunft, Religion oder vermeintlichen Andersartigkeit ihre Würde abgesprochen wird?

Der Workshop ist Teil unseres bereits erprobten pädagogischen Konzepts. Er bereitet die Jugendlichen auf die besondere Form der Inszenierung vor und eröffnet ihnen die Möglichkeit, sich eigenständig mit den historischen und gesellschaftlichen Zusammenhängen auseinanderzusetzen.

Am Abend des 7. Oktober folgte die öffentliche Aufführung im Deutschordensschloss Postbauer-Heng. Am nächsten Vormittag, dem 8. Oktober, standen wir erneut auf der Bühne – diesmal vor Schülerinnen und Schülern.

So verbanden sich innerhalb von zwei Tagen unterschiedliche Formen der Auseinandersetzung mit Geschichte und Gegenwart: das gemeinsame Nachdenken im Workshop, die unmittelbare Erfahrung des Theaters und die Möglichkeit, das Erlebte anschließend weiter zu reflektieren.

„Annes Kampf“ – eine Inszenierung, die unter die Haut geht

Seit mehr als zehn Jahren steht Marianne Blum mit „Annes Kampf“ auf deutschen Bühnen, Thomas Linke ist seit fünf Jahren dabei.

Die künstlerische Konzeption ist ebenso einfach wie radikal: Das Tagebuch der Anne Frank trifft auf Adolf Hitlers „Mein Kampf“.

Auf der einen Seite die Gedanken, Hoffnungen und Sehnsüchte eines jungen jüdischen Mädchens. Auf der anderen Seite die menschenverachtende Ideologie eines Mannes, dessen Politik Millionen Menschen das Leben kostete.

Marianne Blum und Thomas Linke lassen diese beiden Welten unmittelbar aufeinandertreffen. Sie schaffen eine Intensität, die weit über die bloße Gegenüberstellung historischer Texte hinausgeht.

Das Publikum erlebt nicht nur einen historischen Konflikt. Es wird mit einem fundamentalen Widerspruch konfrontiert: dem Gegensatz zwischen Menschlichkeit und einer Ideologie, die Menschen ihre Würde und schließlich ihr Lebensrecht abspricht.

Die besondere Kraft der Inszenierung liegt darin, dass sie nicht belehrt. Sie vertraut auf die emotionale Erfahrung und auf die Fähigkeit der Zuschauerinnen und Zuschauer, selbst zu erkennen, was auf dem Spiel steht.

Wer die Menschlichkeit Anne Franks erlebt und ihr die Ideologie des Nationalsozialismus gegenübergestellt sieht, wird mit einer Erkenntnis konfrontiert, hinter die er kaum zurücktreten kann, ohne in einen inneren Widerspruch zu geraten.

Genau darin liegt für uns die besondere Wirkung von „Annes Kampf“. Seit mehr als einem Jahrzehnt erleben wir, wie diese Inszenierung Menschen erreicht, Diskussionen auslöst und weit über den Theaterabend hinaus nachwirkt.

Annes Kampf in Postbauer-Heng
Annes Kampf in Postbauer-Heng | Foto: SAM Entertainment

Politische Bildung, die über die Bühne hinausreicht

Unsere Erfahrungen mit „Annes Kampf“ haben uns früh gezeigt, dass die emotionale Wirkung einer Aufführung durch begleitende pädagogische Arbeit vertieft werden kann. Deshalb gehört ein vorbereitender Workshop bereits seit Längerem zu unserem Bildungsangebot.

Er eröffnet Jugendlichen einen Zugang zu den historischen Hintergründen der Inszenierung und regt dazu an, sich mit den Mechanismen von Propaganda, Antisemitismus und autoritärem Denken auseinanderzusetzen.

Dabei geht es uns nicht darum, fertige Antworten vorzugeben. Vielmehr möchten wir junge Menschen darin bestärken, selbstständig zu denken, Widersprüche zu erkennen und eigene Urteile zu entwickeln.

Die anschließende Theateraufführung verleiht dieser Auseinandersetzung eine emotionale Dimension. Was zuvor Gegenstand des Gesprächs war, wird auf der Bühne unmittelbar erfahrbar.

In Postbauer-Heng konnten wir dieses bewährte Zusammenspiel von Vorbereitung und künstlerischer Erfahrung erneut verwirklichen.

Derzeit arbeiten wir außerdem an einem ergänzenden pädagogischen Dossier. Es soll Lehrkräften und Fachkräften der politischen Bildung künftig erleichtern, Anknüpfungspunkte für die weitere Arbeit mit den Jugendlichen zu finden und die durch die Aufführung angestoßenen Fragen zu vertiefen.

Denn die Auseinandersetzung mit Geschichte sollte nicht mit dem Schlussapplaus enden.

Was möglich wird, wenn Menschen Verantwortung übernehmen

Dass wir dieses umfassende Programm in Postbauer-Heng verwirklichen konnten, verdanken wir insbesondere zwei engagierten Menschen: Maximilian Steindl, dem gemeindlichen Jugendpfleger, und Angelika Herrmann vom Kulturforum Postbauer-Heng.

Durch ihre Zusammenarbeit wurde es möglich, kommunale Jugendarbeit, Schule und Kultur miteinander zu verbinden und unterschiedliche Zielgruppen zu erreichen. Das verdient besondere Anerkennung.

Denn solche Projekte entstehen nicht von allein. Sie brauchen Menschen, die Verantwortung übernehmen, Ideen zusammenführen und bereit sind, sich für deren Umsetzung einzusetzen.

Maximilian Steindl und Angelika Herrmann haben gezeigt, welche Möglichkeiten entstehen, wenn kommunale Einrichtungen und Kulturveranstalter gemeinsam handeln.

Die Verbindung von schulischer Vorbereitung, öffentlicher Abendveranstaltung und Schulvorstellungen war Ausdruck einer Zusammenarbeit, die nicht allein auf die Durchführung eines Theatergastspiels ausgerichtet war, sondern auf eine vertiefte gesellschaftliche Auseinandersetzung.

Gerade auf kommunaler Ebene liegt darin eine große Chance.

Unser herzlicher Dank gilt Maximilian Steindl und Angelika Herrmann für ihr Engagement, ihr Vertrauen und die Zusammenarbeit. Ebenso danken wir der Erich-Kästner-Mittelschule und allen Beteiligten, die diese beiden Tage ermöglicht haben.

Marianne Blum in Annes Kampf
Annes Kampf in Postbauer-Heng | Foto: SAM Entertainment

„Nie wieder“ ist eine Aufgabe der Gegenwart

Während wir in Postbauer-Heng mit „Annes Kampf“ unterwegs waren, sorgte eine politische Entscheidung in Sachsen-Anhalt bundesweit für Diskussionen.

Mit Tobias Rausch wurde ein Politiker der AfD zum Landtagspräsidenten gewählt. Er erhielt dabei mehr Stimmen, als die ihn unterstützenden Fraktionen gemeinsam aufbringen konnten. Der Verdacht, dass auch Stimmen aus der CDU zu seiner Wahl beigetragen haben könnten, steht im Raum. Wegen der geheimen Abstimmung lässt sich dies allerdings nicht nachweisen.

Der Vorgang wirft eine grundsätzliche Frage auf: Wie konsequent sind demokratische Parteien bereit, sich gegenüber rechtsextremen Kräften abzugrenzen?

Die Geschichte der Weimarer Republik erinnert uns daran, dass Rechtsextreme nicht immer allein aus eigener Kraft an die Macht gelangen. Auch konservative Eliten trugen damals dazu bei, den Nationalsozialisten den Weg zur Macht zu öffnen.

Die historischen Situationen sind nicht gleichzusetzen. Doch die Mechanismen politischer Normalisierung und die Verantwortung demokratischer Akteure verdienen gerade deshalb unsere Aufmerksamkeit.

Demokratie ist keine Selbstverständlichkeit. Sie lebt von Menschen, die ihre Werte verteidigen, demokratische Institutionen schützen und menschenfeindlichen Ideologien widersprechen.

Dabei geht es nicht allein um politische Entscheidungen in Parlamenten. Es geht ebenso um Bildung, Kultur und die Fähigkeit einer Gesellschaft, aus ihrer Geschichte Konsequenzen zu ziehen.

„Annes Kampf“ leistet hierzu seit mehr als zehn Jahren einen Beitrag. Die Inszenierung macht erfahrbar, wohin eine Ideologie führen kann, die Menschen nach Herkunft und vermeintlichem Wert unterscheidet. Sie erinnert daran, dass die Würde des Menschen unantastbar sein muss – nicht nur als Verfassungsgrundsatz, sondern als gelebte gesellschaftliche Überzeugung.

Hintergrund: Deutschlandfunk zur Wahl des Landtagspräsidenten

Wenn Erfahrung auf kommunales Engagement trifft

Postbauer-Heng hat eindrucksvoll gezeigt, was entstehen kann, wenn ein bewährtes künstlerisches und pädagogisches Konzept auf engagierte Partner vor Ort trifft.

Die Zusammenarbeit zwischen kommunaler Jugendarbeit, Kulturforum, Schule und Theater ermöglichte ein Programm, das unterschiedliche Generationen erreichte und Raum für die Auseinandersetzung mit unserer Geschichte und ihrer Bedeutung für die Gegenwart schuf.

Solche Initiativen sind gerade jetzt wichtig.

Denn die Verteidigung unserer offenen, liberalen und demokratischen Gesellschaft ist nicht allein Aufgabe der Politik. Sie beginnt überall dort, wo Menschen Verantwortung übernehmen, kritisches Denken fördern und bereit sind, menschenfeindlichen Ideologien entgegenzutreten.

Mit „Annes Kampf“ möchten wir weiterhin dazu beitragen, dass Geschichte nicht zu einer abstrakten Erinnerung verblasst, sondern als Mahnung und Verpflichtung lebendig bleibt.

Unser Besuch in Postbauer-Heng hat uns darin erneut bestärkt.

„Nie wieder“ darf keine Formel bleiben, die wir an Gedenktagen wiederholen. Es muss sich in unserem Handeln bewähren – gerade jetzt.

SAM Entertainment – Bühne mit Haltung

Mehr über „Annes Kampf“

Eine Inszenierung, die Geschichte und Gegenwart miteinander verbindet.

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